Interview 1 | 21

„Wir werden eine dynamische Entwicklung erleben“

Interview mit Prof. Dr. Kay W. Axhausen

Prof. Dr. Kay W. Axhausen, Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme an der ETH Zürich

Welche Anforderungen muss der öffentliche Nahverkehr erfüllen?

Alle Bürger einer Region sollen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können und mobil sein, unabhängig von ihrem Alter, ihrer gesundheitlichen Situation oder ihren finanziellen Möglichkeiten. Neben diesem generellen Ziel der Mobilitätsvorsorge muss der Nahverkehr die Geschwindigkeit, mit der wir uns im öffentlichen Raum bewegen, auf einem vernünftigen Niveau halten. Wenn der Autoverkehr immer weiter wächst, wird er immer langsamer, weil sich die Fahrzeuge gegenseitig behindern, solange wir sie nicht besser steuern oder mehr Strassen für sie bauen. Die Alternative ist die Beförderung vieler Menschen in grossen Fahrzeugen des öffentlichen Nahverkehrs.

Welche zusätzlichen Ziele erfüllt die Elektromobilität?

Die Elektromobilität trägt dazu bei, die CO2-Belastung durch den Verkehr zu reduzieren. Die Luftreinhaltung steht heute stark im Fokus; das zweite Argument für die Elektromobilität ist aber ihre hohe Effizienz. Ein Zug mit E-Lok fährt wesentlich effizienter als einer mit Diesel-Lok. E-Fahrzeuge tragen dann besonders viel zum Klimaschutz bei, wenn sie grünen, nachhaltig produzierten Strom nutzen. Aber auch bei Strom aus nicht erneuerbaren Quellen besitzt die Elektromobilität einen Effizienzvorteil, beispielsweise durch Motoren mit sehr hohem Wirkungsgrad, und verursacht deshalb eine geringere Umweltbelastung.

Welche Investitionen sind für den Erfolg der Elektromobilität notwendig?

Bei den schon länger genutzten Standardlösungen wie Strassenbahn und Zugverkehr sind die Kosten bekannt. Oberleitungen sind grundsätzlich teuer. Bei den neueren Fahrzeugarten wie Elektrobussen und E-Autos für den privaten Gebrauch stellt sich immer die Frage nach der Häufigkeit der Wiederaufladung und der Kapazität der Batteriespeicher. Hier gilt es, die für den jeweiligen Einsatzzweck auch unter Kostenaspekten optimale Lösung zu finden.

Wie lassen sich etwaige Hindernisse für den Ausbau der Elektromobilität beseitigen?

Bei professionellen Nutzern wie Verkehrsunternehmen fällt der Systementscheid immer unter rationalen Gesichtspunkten: wie hoch sind die Kosten, welche Auswirkungen hat die Umstellung, beispielsweise auf den Werkstattbetrieb, und welche Ladeinfrastruktur muss geschaffen werden? Ich erwarte, dass wir insgesamt eine dynamische Entwicklung erleben werden. Dass mittlerweile einige Staaten wie Norwegen und Grossbritannien das Aus für Verbrenner ab 2030 gesetzlich festgelegt haben, ist ein starkes Signal.

Den privaten Entscheidungen für ein E-Fahrzeug stehen manchmal emotionale Hindernisse entgegen. Ein E-Auto wird noch als ungewohnt wahrgenommen. Hinzu kommt, dass viele Menschen bei der Auswahl ihres Fahrzeugs vor allem an lange Strecken denken, die in der Praxis aber eher selten sind. Eine Studie an unserem Institut stellt allerdings fest, dass immer mehr Menschen in Zukunft bereit sein könnten, für die vielen Alltagsfahrten ein kleines E-Auto anzuschaffen und für die seltenen längeren Reisen ein grösseres Fahrzeug zu mieten.

Ein Blick in die Zukunft: Wie werden wir uns in einer Smart City des Jahres 2050 fortbewegen?

Das ist schwierig zu prognostizieren. Der Schock der Corona-Pandemie hat zu einem veränderten Verkehrsverhalten und einem starken Fokus auf Fahrrad und E-Bike geführt. Momentan kann ich noch nicht absehen, ob diese Entwicklung dauerhaft ist. Wenn ja, müsste der Fahrradverkehr mehr Platz erhalten, womit die Attraktivität für Autos sinkt. Generell gehe ich davon aus, dass wir als Gesellschaft das erreichte Geschwindigkeitsniveau im Nahverkehr halten und nicht langsamer werden wollen. Und angesichts der Umweltproblematik wird das eher eine elektrische Welt sein. Daneben könnten auch alternative Antriebsmittel wie Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe eine Rolle spielen.