Interview 3 | 16

„Ein Jahr früher als geplant“

Andreas Meyer im Interview

Was bedeutet die Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels für die SBB?

Wir sind stolz und freuen uns, von Ende 2016 an den längsten Eisenbahntunnel der Welt zu betreiben. Dass wir den Tunnel im Budget und sogar ein Jahr früher als ursprünglich geplant eröffnen können, ist nicht zuletzt Ausdruck des guten Schweizer Projektmanagements, das ich auch aus meiner Zeit bei ABB kenne. Das Jahrhundertbauwerk verdeutlicht zudem, was wir mit Zuverlässigkeit, Innovation und partnerschaftlicher Zusammenarbeit erreichen können. Das haben nicht zuletzt die vielen Tausend Mitarbeitenden der SBB bewiesen, die an der Inbetriebnahme des Tunnels beteiligt sind. Mit dem Basistunnel schreiben wir am Gotthard einmal mehr Verkehrsgeschichte. Die Eröffnung ist deshalb auch eine ideale Gelegenheit, um nach vorne zu schauen und sich mit den künftigen Entwicklungen der Mobilität auseinanderzusetzen.

Und für den europäischen Bahnverkehr?

Der Gotthard-Basistunnel bringt Menschen und Güter schneller an ihr Ziel. Die erneuerte Nord-Süd-Achse Gotthard erhält von Ende 2016 an einen deutlichen Leistungsschub. Mit der Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels und des 4-m-Korridors erhält sie voraussichtlich Ende 2020 ihre volle Leistungsfähigkeit. Dann werden pro Tag rund 260 Güterverkehrszüge die Flachbahn durch die Alpen nutzen – fast 50 Prozent mehr als heute. Die Fahrzeit im Personenverkehr verkürzt sich zwischen Zürich und Mailand um bis zu eine Stunde. Die neuen Giruno-Züge, die wir 2019 in Betrieb nehmen, bieten ein komfortables Reiseerlebnis.

Welche Auswirkungen hat der Gotthard-Basistunnel auf das restliche Netz und die Kapazitäten der SBB? Dient er eher der Entlastung oder wird er für einen so starken Boom sorgen, dass anderweitig Engpässe zu befürchten sind?

Unser Schienennetz ist in der Tat das am intensivsten genutzte der Welt: Pro Hauptgleis verkehren jeden Tag über 100 Züge – Tendenz steigend. Auf der Nord-Süd-Achse Gotthard erwarten wir im Personenverkehr bis 2020 eine Verdoppelung der Nachfrage auf fast 20 000 Passagiere täglich. Dennoch: Engpässe sind wegen des Gotthard-Basistunnels aus heutiger Sicht nicht zu befürchten. Dank eines ausgeklügelten Betriebskonzepts werden wir die Nachfrage auf der Nord-Süd-Achse bewältigen können. Ein Signal- und Zugsicherungssystems der neuesten Generation sorgt dafür, dass von 2020 an pro Stunde und Richtung bis zu sechs Güter- und zwei Personenzüge durch den Gotthard-Basistunnel fahren können.

Welche besonderen Aufgaben sind für die SBB mit der Inbetriebnahme verbunden?

Die SBB ist verantwortlich dafür, dass täglich bis zu 260 Güter- und 48 Personenzüge sicher, zuverlässig und pünktlich auf der Flachbahn durch die Alpen verkehren. Bis zur Inbetriebnahme gibt es Millionen von Details zu regeln, Tausende von Nachweisen zu erbringen, akribische Testreihen durchzuführen und zahlreiche Bewilligungen zu erarbeiten. Dank enormen Einsatzes und Professionalität ist die Inbetriebnahme auf Kurs; den Mitarbeitenden gebührt deshalb grosser Dank.

Hat die SBB für die Fahrt durch den neuen Basistunnel technische Neuerungen an den Fahrzeugen vornehmen müssen? Welche?

Wir haben unsere nationale Fahrzeugflotte für die erhöhten Anforderungen im Gotthard-Basistunnel bereit gemacht. Bis Mitte 2016 wurden insgesamt 18 Intercity-Neigezüge, 13 Lokomotiven Re 460, 119 Intercity-Wagen sowie 179 Strecken- und 15 Rangierlokomotiven von SBB Cargo umgebaut. Die Arbeiten betreffen vor allem den Brandschutz und die Führerstandssignalisierung der neuesten Generation und bringen einen Sicherheitsgewinn auf dem ganzen SBB-Netz. Parallel dazu wurden rund 3900 Mitarbeitende von SBB, Drittbahnen und Rettungskräften geschult.

Der Gotthard ist in Zukunft kein Hindernis mehr – vor welchen anderen Hindernissen oder Herausforderungen stehen die SBB und der Bahnverkehr in Europa allgemein?

Der intermodale Wettbewerb, also der Wettbewerb zwischen den einzelnen Verkehrsträgern, nimmt zu. Kunden können Komfort und Preis-Leistungs-Verhältnis immer besser vergleichen. Gleichzeitig steigen die Gesamtkosten der Bahnen, während andere Verkehrsträger mit Einsparpotenzialen von bis zu 50 % rechnen. Zudem steigt der Spardruck der öffentlichen Hand. Und: Regulatorische und raumplanerische Anforderungen an Bahnen sind hoch und steigen tendenziell eher noch, zum Beispiel aufgrund der Übernahme technischer Normen der EU oder verschärfter Auflagen bei öffentlichen Beschaffungen.

Wie werden sich der Bahnverkehr und unsere Mobilität in den kommenden Jahrzehnten Ihrer Ansicht nach entwickeln?

Neue Technologien bringen neue Lebens- und Arbeitsstile. Kunden wollen durchgängige, einfache Angebote von Tür zu Tür. Schiene gegen Strasse war früher; in Zukunft werden die Kunden ihre Mobilität flexibel nach ihren ganz persönlichen – und wechselnden – Bedürfnissen gestalten. Zudem tauchen neue Elemente in der Mobilitätskette auf, wie Fernbusse und womöglich auch selbstfahrende Fahrzeuge. Diese haben das Potenzial, zum öffentlichen Individualverkehr zu werden und die Lücke des öV auf der klassischen letzten Meile zu schliessen. Der Güterverkehr wird zunehmend Konkurrenz erhalten durch umweltfreundliche, flexible Angebote auf der Strasse, etwa mit «Platooning», das heisst Fahren von Lastwagen mit geringem Abstand auf Autobahnen. Die Mobilität wird sich tief greifend verändern – und diese Veränderungen kommen immer schneller.

Welche technischen Innovationen sehen Sie kommen?

Die Digitalisierung ist auch für den öffentlichen Verkehr ein wichtiger Treiber. Sie erlaubt uns, die Mobilitätsangebote immer besser entsprechend individuellen Kundenbedürfnissen masszuschneidern. Künftige Generationen werden nicht mehr wissen, was ein Fahrplan ist. Ein mögliches Beispiel: Wenn Sie einen geschäftlichen Termin in einer anderen Stadt haben, werden mit Ihrem Kalendereintrag auch gleich Hin- und Rückreise gebucht – und dies unter Berücksichtigung der jeweils geeignetsten Verkehrsträger. Die Digitalisierung ermöglicht uns zudem, den Bahnbetrieb effizienter zu gestalten, wie unter anderem das Betriebskonzept des Gotthard-Basistunnels zeigt.

Zum Abschluss eine eher touristische Frage: Auf welchen Strecken der SBB und der Deutschen Bahn reisen Sie persönlich am liebsten?

Die liebsten Bahnstrecken sind jene, die mich mit der Familie oder mit Freunden zusammenbringen, mir schöne Sport- und Naturerlebnisse oder besondere Ereignisse oder Genüsse ermöglichen – sei es eine Skitour im Wallis, ein Besuch bei meinen Eltern in Basel oder ein Mittagessen an einem regnerischen Tag im Café de Paris in Genf.